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Chris Bartz ist CEO & Co-Founder von Elinvar. Mit seiner Erfahrung aus rund 20 Jahren in der Finanzbranche und einem starken Fokus auf Kundennutzen ist er erster Ansprechpartner für Vermögensverwalter und Privatbanken als Kunden von Elinvar. Als Branchenexperte engagiert er sich für ein leistungsfähiges Ökosystem für Fintech und Digital Banking sowie die Vorteile der Digitalisierung allgemein. Dies gilt auch für seine Aufgabe als Vorsitzender des Arbeitskreises FinTechs & Digital Banking beim Bitkom. Vor der Gründung von Elinvar war Chris unter anderem Venture Partner bei FinLeap, Leiter Unternehmensstrategie und Kommunikation bei der Weberbank und der Mittelbrandenburgischen Sparkasse sowie in unterschiedlichen Funktionen für die Deutsche Bank und die Dresdner Bank tätig. Er ist Alumnus der Frankfurt School of Finance & Management, der Università Bocconi sowie der London Business School.

Interview

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?

Es gibt drei Werte, die mir besonders wichtig sind. An erster Stelle stehen für mich Toleranz und Offenheit. Hier stimme ich dem bekannten amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida zu, der intensiv zu dem Thema Kreativindustrie forscht. Er fasst es gut zusammen: “It’s not that gays and diversity equal high technology. But if your culture is not such that it can accept difference, and uniqueness and oddity and eccentricity, you will not get high tech industry.”

Eine offene Gesellschaft zieht die Toptalente an, die für den wirtschaftlichen Erfolg entscheidend sind. Auch im Hinblick auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, in die wir gerade hineinlaufen, beschäftigt mich dieses Thema sehr.

Weitere wichtige Werte sind Integrität und Moral, also verantwortungsbewusstes Handeln als Unternehmen und Unternehmer in Kombination mit hoher Transparenz. Mit der Digitalisierung verbunden ist eine deutliche Zunahme an Transparenz. Das bedeutet, Menschen können besser beurteilen, wie sich Unternehmen verhalten. Moralisch einwandfreies Verhalten wird also noch wichtiger. Hierzu möchte ich ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr nennen: Ich fand es bemerkenswert, wie Apple sich gegen die Überwachungsinteressen des FBI stellte und sich weigerte, Daten seiner Kunden herauszugeben. Solche gelebten Überzeugungen prägen das Image nachhaltig.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschöpfung auch Wertschätzung?

Ich betrachte diese Frage derzeit vor allem aus dem Blickwinkel eines Unternehmens im Aufbau. Offenheit steht für mich dabei absolut im Vordergrund. Um die Toptalente zu gewinnen, die ich brauche, lebe und erwarte ich ein offenes, tolerantes und vom Interesse am Anderssein geprägtes Miteinander. Wir haben bei etwas über 20 Mitarbeitern jetzt schon acht verschiedene Nationen in unserer Firma vereint. Das bedeutet unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche persönliche Präferenzen, unterschiedliche Sprachen. Daher ist es wichtig Menschen zu finden, die aus tiefster Überzeugung tolerant und begeistert miteinander arbeiten. Eine Unternehmenskultur in der Heterogenität als Vorteil gesehen wird, halte ich für die Kernstärke eines Unternehmens. Wir leben einfach in einer Zeit, in der es wichtig ist, voneinander zu lernen und offen miteinander umzugehen.

Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass wertebewusstes Handeln auch Wertschöpfung bringt. Digitalisierung ist vor allem eine Frage der Talente. Gute Mitarbeiter finde ich, wenn ich ein spannendes und inspirierendes Umfeld biete. Nicht zuletzt deshalb haben wir uns bei der Standortwahl für Berlin entschieden. Hier finden wir die Talente, die wir brauchen. Die Stadt ist gerade für innovationsfreudige, kreative Menschen sehr spannend und bietet Chancen, die es an anderen Standorten in dieser Form nicht gibt.

Doch mindestens genauso wichtig wie der Standort ist das Unternehmensklima. Gute Mitarbeiter gewinnt und hält man nur dann, wenn sie fair und moralisch integer behandelt werden. Und das ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Daher ist für mich das Leben und Vorleben von Werten sehr wichtig. Ich kann nicht Wasser predigen und Wein trinken. Werte müssen im täglichen Umgang gelebt werden.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?

Definitiv brauchen wir eine gesellschaftliche Diskussion zu einzelnen Fragestellungen. Konkretes Beispiel: Kern der Digitalisierung ist auch der Umgang mit Daten. In Deutschland ist das Prinzip der Datensparsamkeit prägend. Das halte ich persönlich für Unsinn, weil es sich letztlich gegen die Interessen des Kunden richtet, für ihn selbst bestmögliche passende Lösungen zu erhalten. Ich glaube vielmehr an das Prinzip der Datensouveränität, das bedeutet:  Kunden müssen in der Lage sein, eigenverantwortlich mit ihren Daten umzugehen. Beim iPhone gibt es zum Beispiel verschiedene Einstellungsmöglichkeiten. Als Nutzer kann ich vorgeben, welche Daten Apple sehen soll und welche nicht. Das halte ich für sehr wichtig.

Zweitens glaube ich an Transparenz. Das heißt, um Datensouveränität zu gewährleisten, muss ich Transparenz haben, also verstehen, was mit meinen Daten passiert. Sonst kann ich meine Souveränität gar nicht ausleben.

Und Drittens glaube ich an Datenmoral. Unternehmen, die moralisch korrekt mit den Daten ihrer Kunden umgehen, haben aus meiner Sicht auch wirtschaftliche Vorteile.

Diesen Dreiklang aus Datensouveränität, Transparenz und Datenmoral halte ich für wichtig, und er wird uns in den kommenden Jahren sicherlich noch stark beschäftigen. Ein Beispiel aus der Vermögensverwaltung: Wenn der Kunde Daten bereits bei seiner Bank hinterlegt hat, kann er erwarten, dass diese auch entsprechend genutzt werden. Wenn ich mitgeteilt habe, dass ich verheiratet bin und zwei Kinder habe, erwarte ich, dass bei einer Anlagestrategie diese Information berücksichtigt wird und ich keine Empfehlungen erhalte, die in diesem Kontext keinen Sinn für mich machen. Wenn ich einem Unternehmen also meine Daten gebe, erwarte ich, dass es diese auch nutzt, um mir bessere Empfehlungen zu unterbreiten.

Das ist allerdings eine klare Gegenposition zum Prinzip der Datensparsamkeit, das in Deutschland bisher vertreten wird.  Daher ist es aus meiner Sicht an der Zeit über diese neuen Werte intensiver nachzudenken. Dass dies den Nerv der Zeit trifft, zeigt sich immer wieder. Die Menschen in Deutschland gehen offen und interessiert an das Thema Digitalisierung heran. So wird Facebook hierzulande sehr intensiv genutzt, obwohl die Datenschützer skeptisch sind. Es wäre wünschenswert, wenn wir dieses Interesse fördern, uns zugleich aber auch klar machen, dass wir im Hinblick auf das Datenregelwerk noch einiges vor uns haben.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertevorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?

Jüngere Menschen haben aus meiner Sicht oft eine zukunftsorientiertere Wertehaltung als viele ältere Menschen, denn sie sind in der Regel offener und toleranter. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Abstimmung über den Brexit, bei der sich die jüngere Generation deutlich europafreundlicher positionierte als die ältere. Auch Verlustängste mit Blick auf Veränderungen sind eher bei älteren Menschen ein Thema.

Dennoch bin ich mit Pauschalisierungen eher vorsichtig. Viel hängt aus meiner Sicht von der sozialen Prägung ab, also dem Elternhaus, Reisen und vor allem der Bildung. Menschen, die reisen, setzen sich mit anderen Kulturen auseinandersetzen und Rassismusprobleme tauchen am ehesten bei jenen auf, die keine Ausländer kennen.

Wertevermittlung ist ein zentrales Thema und birgt auch manche Herausforderung. Hier gilt eben auch: Vorleben. Wichtig ist, die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen zu fördern und junge Leute zu ermuntern, auf andere Menschen offen zuzugehen.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: Ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt, Werte erfolgreich leben?

Ich bin davon überzeugt, dass wir in Europa die Chance haben, skalierbare Modelle zu schaffen, wo Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zusammenarbeiten. Was meine ich damit: Belgier und Italiener arbeiten gemeinsam und stehen für eine Sache ein. Daran glaube ich. Europa ist eine Chance und daher begrüße ich Initiativen wie die pro-europäischen Sonntagsdemonstrationen.

Ohne Zweifel leben wir in einer Welt, in der in den vergangenen Jahren viele Herausforderungen entstanden sind. Ich glaube, das hat viel mit Angst vor Veränderung zu tun. Ein Blick auf die Wahlergebnisse zeigt, dass viele Menschen in einem Bewahrungsreflex verhaftet sind.

Bei der Industrialisierung hatten die Menschen ähnliche Anpassungsschwierigkeiten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir bei der Digitalisierung die Menschen mitnehmen und im Hinblick auf unsere bunter werdende Gesellschaft die Vorteile des „Miteinander“ in den Vordergrund stellen. Die Flucht in die Bewahrung bringt uns nicht weiter.

Bei der Digitalisierung müssen wir weg vom ob und hin zum wie. Ob die Digitalisierung kommt ist nicht die Frage, sie ist schon da. Wir können das Internet nicht wieder abstellen, nur weil die Veränderungen von manchen anscheinend als zu groß empfunden werden. Die Frage ist vielmehr, wie wir mit den neuen Herausforderungen am besten umgehen.

Daher ist für mich eine entscheidende Frage, welches Wertesystem wir als Grundfundament haben. Die Digitalisierung wird zu einer international größeren Transparenz führen. Aufgrund der stärkeren internationalen Vernetzung sind Toleranz und echtes Interesse am anderen noch wichtiger geworden. Wenn Länder gegeneinanderstehen, haben wir das Risiko, dass sich durch so extreme Veränderungen wie die Digitalisierung nicht lösbare Konflikte ergeben. Bei der Industrialisierung konnten wir das beobachten. Daher müssen wir alles daransetzen, dass so etwas nicht wieder geschieht.

Die Digitalisierung birgt viele Chancen, die vor allem von der jungen Generation erkannt werden. Allerdings handelt es sich dabei in der Regel nicht um blinde Akzeptanz, denn die Herausforderungen werden generationenübergreifend erkannt. Unsere Aufgabe ist es, die Herausforderungen anzunehmen und zugleich die Chancen der Digitalisierung zu vermitteln und entsprechend zu begleiten.

Aus diesem Grunde engagiere ich mich auch in der Wertekommission. Gutes Vorleben ist der größte Hebel für positive Veränderungen. Wenn Führungskräfte und Spitzenpolitiker Angst vor der Veränderung haben, dann wird das die Gesellschaft negativ prägen. Wenn wir jedoch die Chancen einer positiven und offenen Einstellung erkennen und jeder in seinem Umfeld positive Werte vorlebt, kann dies viel bewirken. In Deutschland sind wir da auf einem guten Weg.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und warum?

Eine schwierige Frage, denn es fällt mir schwer einzelne Menschen als Vorbilder herauszugreifen. Mich begeistern eher Initiativen wie zum Beispiel die Solidaritätskampagne „HeForShe“, die Männer motivieren will, sich auf Augenhöhe mit den Frauen für die Gleichberechtigung einzusetzen, und die gemeinsamen Stärken der Geschlechter zu nutzen.

Auch die Initiative betterplace.org halte ich für erwähnenswert. Dabei handelt es sich um Deutschlands größte Spendenplattform mit der jeder auf seine Weise dazu beitragen kann, dass unsere Welt ein etwas besserer Ort wird.

Das Interview führte Christiane Harriehausen – Wirtschaftsjournalistin.