Apropos Werte

Dr. Tom Drieseberg ist seit 2003 geschäftsführender Gesellschafter der Weingüter Geheimrat J. Wegeler GmbH & Co KG und seit 2007 zudem geschäftsführender Gesellschafter des Weingutes Krone Assmannshausen GmbH & Co KG. 1958 in Neustadt an der Weinstraße geboren, studierte er Betriebswirtschaftslehre und Soziologie an der Universität Trier sowie am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg, Virginia mit Abschluss Diplom-Kaufmann. Bevor er die berufliche Liebe und Leidenschaft für den Wein entdeckte, war er erst Assistent des Vorstandsvorsitzenden der AEG Hausgeräte GmbH, später Marketingleiter AEG Hausgeräte GmbH und anschließend Marketingleiter der Elektrolux-Gruppe Deutschland. Er ist zudem Autor diverser Publikationen zum Thema Lebensstilforschung.

Interview

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?
Vertrauen ist für mich die conditio sine qua non des menschlichen Miteinanders, weil dieser Wert wie eine Matrix über jeden anderen Wert läuft. Ich kann mutig, erfindungsreich und tolerant sein, doch wenn es mir nicht gelingt, ein Vertrauensverhältnis zu meiner Umwelt aufzubauen, dann wird das menschliche Miteinander nicht wirklich gelingen. Die Entwicklung von Gemeinschaft hängt maßgeblich davon ab, ob zwischen Menschen ein Vertrauensverhältnis besteht oder nicht. Erwartungen an etwas oder jemanden werden von Erfahrungen gespeist. Erfahrungen, die Menschen machen, führen sofort zu neuen Erwartungen. Erst wenn dieser Kreislauf funktioniert, entsteht Vertrauen.

Wenn ein Vertrauensverhältnis erst einmal erschüttert ist, dann dauert es oft lange, bis es wiederhergestellt werden kann. Manchmal gelingt es gar nicht mehr, vor allem dort, wo Menschen sehr emotional funktionieren. Die Entwicklungspsychologie eines Menschen orientiert sich nun einmal zum großen Teil an diesem Vertrauenskonstrukt.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?
Wertschätzung ist aus meiner Sicht wichtig, aber im geschäftlichen Umfeld sicherlich nicht das wichtigste Element. Die Erfahrung zeigt, dass man ein Unternehmen auch erfolgreich führen kann, ohne den Mitarbeitern besondere Wertschätzung entgegen zu bringen. Die spannende Frage ist allerdings, um wieviel erfolgreicher die Firma wäre, wenn man die Mitarbeiter zusätzlich noch wertschätzen würde.

Werte und Wertschätzung spielen also mit Sicherheit eine wichtige Rolle. Vor allem Vertrauen und Integrität stehen für mich auch im beruflichen Miteinander an erster Stelle und bedingen einander sogar. Ich kann von niemandem Integrität erwarten, der zu mir kein Vertrauen hat, weil er immer seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen wird.

Wenn ich Vertrauen und Integrität in einem Unternehmen etabliert habe, kann ich auch schwierige Zeiten gut überstehen. Beides sind sicherlich nicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren im Geschäftsleben; diese sind für mich die Qualität, das Preis-Leistungs-Verhältnis, Innovationen und nicht zuletzt die Art, wie ich meine Interessen durchsetze.

Eine sehr erfolgreiche Durchsetzungsstrategie liegt zum Beispiel in einer Monopolstellung begründet, die sich entweder auf ein Produkt oder einen Vertriebsbereich bezieht oder auf gesetzlicher Ebene funktioniert.

Sobald aber eine Branche in eine Krise rutscht, sei es durch das wirtschaftliche Umfeld oder den Wegfall von Monopolbedingungen, wird es gerade die Unternehmen am härtesten treffen, die Werte wie Vertrauen und Integrität nicht implementiert haben.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?
Die Digitalisierung fegt in einem dramatischen Tempo über uns alle hinweg. Bisher haben wir nur geringe Auswirkungen verspürt. Doch auf mittlere Sicht wird die Digitalisierung die Daseinsbedingungen unseres wirtschaftlichen und menschlichen Miteinanders neu ordnen. Welche Entwicklungen noch kommen werden, kann ich nicht vorhersagen. Aber wenn man sieht, wie Instagram eine ganze Branche ausgelöscht hat oder die Download-Plattformen für Musik eine komplette Branche revolutioniert haben, wenn man sieht, wie im Bereich der kaufmännischen Dienstleistungen Banken und Versicherungen ihre Verwaltungstätigkeiten in einem ungeheuren Tempo digitalisieren, dann kann man bereits erahnen, welche ungeheuren Bewegungen durch die Digitalisierung noch in Gang gesetzt werden.

Über die Folgen der digitalen Revolution gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die davon ausgehen, dass die Digitalisierung lediglich zu einer massiven Verschiebung von Arbeitsplätzen führt und auf lange Sicht die Welt für alle besser wird. Auf der anderen Seite gibt es die Skeptiker, die davon ausgehen, dass sich die bisherige Systematik wirtschaftlicher Revolutionen jetzt ändern wird. Ich umschreibe das mit dem Begriff digitaler Neo-Feudalismus.

In einem über Jahrzehnte funktionierenden Wirtschaftskreislauf, in dem Wertschöpfung – wenn auch asymmetrisch – verteilt wurde, erleben wir über die neuen Medien und die Digitalisierung eine ganz neue Art der Verteilung von Wertschöpfung. Mark Zuckerberg kann sich vor die Presse stellen und verkünden, dass er in den kommenden Jahren drei Milliarden US-Dollar für soziale Projekte spenden wird. Dann steht die Welt auf und klatscht Beifall. Aber die zentrale Frage ist, doch, wollen wir, dass ein so großer Teil der Wertschöpfung bei einer Person landet, die dann entscheiden kann, welche sozialen Programme laufen? Da gehen die Meinungen sehr stark auseinander.

Einige Wenige verdienen Milliarden, während eine immer größere Zahl von Menschen leer ausgeht. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Wenn wir die Frage der Verteilung der Wertschöpfung aus der Digitalisierung nicht lösen, dann werden auf dieser Welt eine kleine Gruppe von Menschen die Wertschöpfung abgreifen, die zehn Jahre zuvor Millionen Menschen am Leben erhalten haben.

Wir müssen als Gesellschaft einen Konsens darüber finden, wie wir die unglaublichen Wertschöpfungspotenziale, die in der Digitalisierung liegen, zukünftig verteilen. Es gibt durchaus Befürworter des Neo-Feudalismus, die davon überzeugt sind, dass hundert Milliardäre unsere Welt besser regieren könnten als alle Politiker zusammen.

Die Frage ist: Wollen wir das? Wollen wir die Steuerung unsers Lebens wirklich an einige Wenige abgeben? Wir alle kennen die Schwächen des Feudalismus ebenso wie die Schwächen anderer politischer Machtsysteme. Aber die Diskussion und die Auseinandersetzung über das „wie“ des menschlichen Miteinanders muss im Zuge der Digitalisierung geführt werden.

So, wie wir es bisher gemacht haben, wird es jedenfalls aus meiner Sicht keine zehn Jahre mehr funktionieren.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?
Eine homogene Gruppe jugendlicher Menschen gibt es aus meiner Sicht nicht. Daher ist diese Frage auch schwer zu beantworten. Generell erscheint es mir aber wichtig, dass wir von sogenannten Schattenwerten wegkommen. Korrupte Systeme bauen auf einer Zweiwertigkeit auf. Einerseits werden öffentlich Werte proklamiert, andererseits orientiert sich niemand daran und lebt nicht danach. Ein Blick auf die derzeitige amerikanische Führungselite zeigt das beispielhaft. Präsident Donald Trump verkündet in seinem offiziellen Wahlprogramm „America first“, aber es ist zu vermuten, dass „Trump and friends first“ gemeint ist.

Je besser der gesellschaftliche Wertekanon mit den individuell gelebten Werten synchronisiert ist, desto besser ist es für die Gesellschaft.

Generationenkonflikte hat es immer schon gegeben. Was heute für die 15 bis 25-Jährigen selbstverständlich ist, hat mit meiner Jugend nichts mehr zu tun. Aber im Prinzip hat sich bei der Einstellung der Jugendlichen nicht viel geändert. Es gab schon immer unterschiedliche Charaktere und Biographien mit entsprechenden Folgen für das eigene Leben. Daran wird sich auch nichts ändern. Von „Der Jugend“ zu sprechen, ist daher schlichtweg unmöglich.

Ich denke, wir sollten vielmehr eine Ebene höher gehen und uns fragen, wie schafft es eine Gesellschaft, den offiziell vorgegebenen Wertekanon auch zu leben.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: Ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt Werte erfolgreich leben?
Wir müssen als Gesellschaft Sorge dafür tragen, dass die Schere zwischen offiziell proklamierten und gelebten Werten nicht noch größer wird. Schließlich gründet eine Demokratie auf kollektiv verabschiedeten Werten, die wir alle als Teil der Gesellschaft mittragen.

Wenn die kulturellen und geistigen Führer einer Gesellschaft sich selbst am kollektiven Eigentum bedienen, dann darf man sich nicht wundern, wenn alle anderen das ebenso machen. Wenn eine Gesellschaft sich aber stärker als Gemeinschaft versteht, wie das zum Beispiel in skandinavischen Ländern der Fall ist, sind Übergriffe am Gemeinschaftseigentum deutlich seltener anzutreffen.
Wenn es einer Gesellschaft gelingt, die kollektiv vorgegebenen Werte auch subjektiv zu leben, sind wir da, wo wir hinwollen.

In dem lesenswerten Buch „World peace through world law“ von Louis B. Sohn und Grenville Clark aus dem Jahr 1958 geht es genau um diese Themen. Die grundlegende These lautet: Es kann auf der Welt nur dann ein friedliches Miteinander geben, wenn die Grundwerte von allen Staaten einvernehmlich definiert und vereinbart werden.

Das Gewaltmonopol, das jeder Staat für sich beansprucht, sollte aus Sicht der Autoren auf der ganzen Welt von den Vereinten Nationen gehalten werden, um ein friedliches Miteinander zu gewährleisten. Das wäre die Umsetzung des europäischen Gedankens der Staatengemeinschaft auf die Weltgemeinschaft.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens hat für Sie wirklich Vorbildfunktion, und warum?
Bischof Kamphaus ist für mich ein großes Vorbild, weil er das, was er predigt, auch lebt. Franz Kamphaus war von 1982 bis 2007 Bischof von Limburg und hat sich dort durch eine progressive Haltung und persönliche Bescheidenheit einen Namen gemacht. Als ich ihn einmal auf einer Veranstaltung erleben durfte, konnte ich beobachten, wie er im Anschluss in einen alten Golf stieg und wegfuhr. Das fand ich beeindruckend. Sein Glanz strahlt natürlich vor der Kontrastfolie anderer Bischöfe, die das genaue Gegenteil zu sein scheinen. Kamphaus arbeitet heute als Seelsorger in einem Stift für behinderte Kinder, obwohl er einen stattlichen Ruhestand genießen könnte.

Und hier kommen wir zu dem zentralen Punkt. Ein Mensch sollte authentisch sein und das, wovon er überzeugt ist, nicht nur propagieren, sondern auch leben. Die persönliche Synchronisierung von Anspruch und Wirklichkeit ist für mich das Maß der Dinge.

Das Interview führte Christiane Harriehausen – Wirtschaftsjournalistin.