Interviews

Christine Graeff verantwortet als Generaldirektorin seit 2013 die Kommunikation der Europäischen Zentralbank (EZB). Ihr Aufgabenportfolio umfasst auch die Kommunikationsstrategie, die sie 2014 für den Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism – SSM), die neue europäische Bankenaufsicht, entwickelt hat. Vor ihrem Wechsel in den öffentlichen Sektor arbeitete Frau Graeff von 2001 bis 2012 für die Brunswick Group, wo sie als Partnerin das Deutschlandgeschäft auf- und ausbaute. Ihr Aufgabenschwerpunkt lag dabei auf der Kommunikationsarbeit für Unternehmen im Finanzsektor. Davor war sie zwei Jahre für Burson-Marsteller in London tätig. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Investmentbankerin im Corporate Finance Team von Kleinwort Benson, nachdem sie zuvor ihren Abschluss in European Business Administration von der European Partnership of Business Schools erworben hatte. 2015 wurde ihr von der Middlesex University die Ehrendoktorwürde verliehen. Christine Graeff ist Mitglied des Verwaltungsrats von TalentNomics, einer gemeinnützigen Organisation, die Frauen in Führungspositionen unterstützt und sich für deren Empowerment einsetzt. Des weiteren ist sie Mitglied des Vorstands Oper Frankfurt sowie im Kuratorium des Global Teacher Prize. Sie ist Mitglied des World Economic Forum of Young Global Leaders, der Baden-Badener Unternehmer Gespräche und der Initiative Generation CEO. Außerdem engagiert sie sich in zahlreichen anderen Kommunikationsnetzwerken und -initiativen. In 2017 übernahm sie außerdem den Vorsitz für den Vorstand des English Theatre Frankfurt.

Interview:

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?
Wir leben in einer immer komplexer werdenden Welt, in der wir uns mehr denn je auf die fachliche Kompetenz von Experten verlassen müssen. Heutzutage ist keiner mehr in der Lage, alle relevanten Zusammenhänge und Interdependenzen zu verstehen. Daher ist der wichtigste Wert für mich Vertrauen. Das gilt natürlich auch für die Europäische Zentralbank (EZB). Wir sind eine Institution, die auf Expertenwissen beruht.

Vertrauen basiert für mich auf den grundlegenden Werten Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Und all das gründet sich auf einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Allerdings ist die Freiheit ein Wert, der immer in einem Rahmen eingebettet werden sollte, der ein respektvolles und tolerantes Miteinander gewährleistet. Respekt und Anstand scheinen mir zunehmend im öffentlichen Diskurs, auch bei Mandatsträgern, leider zu schwinden. An die verbalen Hemmungslosigkeiten in sozialen Medien und Onlineforen und die Verrohung der Sprache haben wir uns ja schon fast gewöhnt. Das halte ich für sehr bedenklich. Denn, wie das chinesische Sprichwort sagt, “achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten”.

Auch bei der Berichterstattung über die EZB finden verbale Grenzüberschreitungen statt. Die Freiheit des Wortes hat nun einmal Nebenwirkungen. Gerade deshalb sollten wir noch aufmerksamer und auch wehrhafter sein.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?
Wenn Waren und Dienstleistungen nachgefragt werden und mit Geld bezahlt werden zeugt dies von Markterfolg, also Wertschätzung, zumindest kurzfristig. Wer sich jedoch langfristig im Markt behaupten will, braucht verlässliche Kundenbeziehungen, eine Vertrauensbasis zu Mitarbeitern und gesellschaftliche Akzeptanz. Hierbei spielen die Werte des Managements eine wichtige Rolle. Wie in allen dauerhaften Beziehungen spielen Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit eine essentielle Rolle, um diese Werte zu leben und zu erhalten. Ein Beispiel hierfür ist der Kaffeehandel. Produkte die unter dem FAIRTRADE-Zeichen gehandelt werden, haben einen Mehrwert für alle, denn hier stimmt die Qualität, weil nicht der letzte Cent aus den Produzenten herausgepresst wird und die Verträge auf respektvollen und fairen Geschäftsbeziehungen basieren.

Das Edelman Trust Barometer hat für 2018 eine interessante Zahl veröffentlicht. Demnach sind 56 Prozent der Befragten der Meinung, dass Unternehmen, die nur an sich und ihre Profite denken, zwangsläufig scheitern werden.

Dies zeigt wie sehr das Thema die Bürger und Konsumenten beschäftigt. In dem Zusammenhang auch relevant ist das Spannungsfeld zwischen Ethik und Compliance/Regeltreue.

Ethisches Fehlverhalten im Wirtschaftsgebahren hat zu einem breiten Ausbau und einer Verdichtung der Compliance Regeln geführt. Aber die juristische Sanktionierung von Fehlverhalten durch 1000 neue Vorschriften und Verbote bringt nicht notwendigerweise ethisches Wohlverhalten hervor. Wenn sich alle nur auf das fokussieren, was gerade noch erlaubt ist, rückt die Frage in den Hintergrund, wie ich im kantschen Sinne verantwortungsvoll handeln sollte. Gerade in der Finanzbranche haben wir inzwischen viele Regulierungen, sodass die Selbstreflexion nicht mehr in der Form stattfindet, wie es für alle Seiten sinnvoll wäre. Anstand kann man nicht herbeiregulieren.

Unternehmenskultur und Geschäftsstrategie müssen in Einklang stehen. Eine Diskrepanz zwischen beiden stellt ein zunehmendes Risiko dar und ist daher immer öfter ein Thema auf Vorstandsebene. Aus den Zielen und Leitbildern eines Unternehmens müssen sich schlüssig die Werte und Prinzipien ableiten lassen, die die Verhaltensweisen im Unternehmen – vom Vorstand bis zum Praktikanten – bestimmen.

Steht jedoch die Eigenkapitalrendite letzten Endes im Vordergrund, muss sich keiner wundern, wenn Mitarbeiter die Grenzen der Regeln testen und vielleicht sogar überschreiten. Wenn sich erst einmal eine schlechte Kultur ausgebreitet hat, sind Korrekturen schwierig.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?
Wir brauchen keine neuen Werte, sondern müssen die vorhandenen Werte nur auf eine sich ständig wandelnden Welt übertragen. Tiefgreifende Veränderungen hat es schon immer gegeben und wie Barack Obama in einem Interview mit Prinz Harry einmal sagte: Wenn man sich einen Moment in der Geschichte aussuchen könnte, in dem man gerne leben würde, würde man heute wählen, weil die Welt noch nie gesünder, wohlhabender, besser gebildet, toleranter und weniger gewalttätig war wie heute.

Wer also skeptisch in die Zukunft blickt, sollte sich erst einmal mit der Vergangenheit, aber auch mit den immer wieder fehlerbehafteten Zukunftseinschätzungen auseinandersetzen. Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen. Steve Ballmer von Microsoft sagte zum Beispiel vor etwa zehn Jahren, dass das iPhone keine Chance habe, einen nennenswerten Marktanteil zu generieren. Wie es gekommen ist, wissen wir alle.

Traditionelle Werte wie Demut und Bescheidenheit werden immer ihre Berechtigung haben, auch wenn sich unser Leben durch die Digitalisierung verändert. Die Ungewissheit ist unser ständiger Begleiter, doch das war schon immer so. Was wir brauchen, ist jedoch ein besseres Verständnis für die eigene Fehlbarkeit. Fehler sind unvermeidlich, doch sie helfen uns zu lernen.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?
Ethisches Verhalten resultiert nicht zuletzt aus Erziehung und Vorbild. Daher ist es so wichtig, dass bereits im Elternhaus und in der Schule darauf geachtet wird. Leider beobachte ich eine gewisse Geschichtsvergessenheit in Deutschland, wo – anders als in Frankreich – das Fach Geschichte bereits recht früh abgewählt werden kann. Dies halte ich für bedenklich. Flüchtlingsströme, Fake News oder neue Technologien sind nichts Neues, auch wenn sie in der Vergangenheit vielleicht anders bezeichnet wurden. Gerade wenn es um das Thema Flüchtlinge geht, müssen wir keine hundert Jahre zurückschauen. Im Jahr 1921 gab es das sogenannte Not-Quotengesetz. Damit wollte sich Amerika vor allzu hoher Zuwanderung aus Ost- und Mitteleuropa schützen. Oder die Kritik an der Technik, die in Frankreich unter Jean-Jacques Rousseau im achtzehnten Jahrhundert eine Blütezeit erlebte. Es ist wichtig, dass jungen Menschen hierzulande das Bewusstsein für diese Zusammenhänge vermittelt bekommen und auch sehen, wie gut es ihnen im internationalen Vergleich geht.

Was mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt, ist ein Blick auf die Shell- Jugendstudie und die Sinus-Jugendstudie. Beide belegen, dass junge Menschen nach wie vor die traditionellen Werte leben. Zu diesen gehören gute langfristige menschliche Beziehungen, ein sinnerfüllter Beruf, wobei das Einkommen eine eher untergeordnete Rolle spielt und ein neugieriges Interesse an der Welt.

Was sich verändert hat, und hier sind die langfristigen Folgen noch nicht absehbar, ist die Verschiebung der Grenze zwischen der Privatsphäre und der Öffentlichkeit. Viele junge Leute teilen ihre privaten Momente in sozialen Netzwerken. Darin zeigt sich ein deutlich gestiegenes Interesse an kurzfristiger Gratifikation. Allerdings gibt es zugleich auch viele junge Menschen, die sich aktiv für das Thema Datenschutz, Netzneutralität, „Recht auf vergessen werden“ einsetzen.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt, Werte erfolgreich leben?
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat hierzu kürzlich eine spannende Zahl veröffentlicht: Der IWF beziffert den Schaden, der weltweit durch Korruption entsteht, auf bis zu zwei Billionen US-Dollar. Das sind zwei Prozent der Weltwirtschaftsleistung, aber das zehnfache der globalen Entwicklungshilfe. Zudem steht diese Zahl nur für die Spitze des Eisberges, denn bei den zwei Billionen Dollar sind nur die direkten Kosten erfasst. Wenn wir also die Korruption abschaffen könnten, würden enorme Mittel freigesetzt werden. Hier kann jeder zum Wandel beitragen. Auch bei dem Thema Chancengleichheit müssen wir verstärkt arbeiten. Ansonsten wird es laut Global Gender Gap Report 2017 noch 100 Jahre dauern bis wir die Gleichstellung erreichen. In der EZB haben wir jüngst weitere Maßnahmen beschlossen um zu diesem Wandel beizutragen wie zum Beispiel mehr Frauen in Einstellungspanels.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?
Für mich ist es weniger eine einzige Persönlichkeit, sondern vielmehr verschiedene Persönlichkeitszüge, die in unterschiedlichen Menschen besonders bewundernswert sind und die ich hier hervorheben möchte.
Es gibt viele Menschen, die sich für junge Frauen einsetzen, es gibt Aktivisten, die hinter den Kulissen ihre Zeit und Energie für den Kampf gegen den Klimawandel einsetzen, diese Menschen bewundere ich sehr.
Auf meinem Büroschreibtisch steht ein Spruch von Seneca: Nicht, weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.
Was ich an Menschen schätze, ist, dass sie Dinge angehen und auch wenn sie schwierig sind. Hierzu gehört, für eigene Werte in Konflikt mit anderen zu gehen und den Mut zu haben, für seine Überzeugung einzustehen.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass auch unsere eigenen Werte miteinander in Konflikt geraten können. In meiner eigenen Berufswelt – der Europäischen Zentralbank – ist ein undifferenziertes Mehr an Transparenz, in dem jede noch so vorläufige Diskussion von noch unfertigen Ideen bereits die Öffentlichkeit erreichen würde, nicht notwendigerweise ein Beitrag zu mehr Vertrauen an Finanzmärkten oder in der Bevölkerung. Oder wenn die Öffentlichkeit mit Informationen zugeschüttet wird, dadurch eine Illusion von Offenheit entsteht, aber die eigentlich wichtigen Botschaften sogar eher intransparent werden.