Interviews

Der Entrepreneur Carsten K. Rath ist Keynote-Speaker und Autor zu den Themen Führung und Service. Rund um den Globus hat er Tausende Mitarbeiter geführt und gibt als viel gefragter Vortragsredner den unterschiedlichsten Unternehmen Impulse für Kundenbegeisterung. Als Managementberater ist er auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene international geschätzt und hat das Vertrauen erfolgreicher Unternehmer und Führungskräfte.

Carsten K. Rath beginnt seine Karriere in der Hotelbranche. 1997 eröffnet er als erster Hotelmanager das Hotel Adlon in Berlin. Zu seinen späteren Stationen gehören Engagements als Geschäftsführer der Robinson Club GmbH, als CEO von Arabella Starwood sowie als Aufsichtsrat bei Design Hotels. Mit den ‚Kameha Hotels & Resorts‘ hat er seine eigene Marke in der Grand Hotellerie und Gastronomie etabliert. 2017 hat er seine Anteile an Kameha verkauft, um sich mit voller Kraft seinen anderen Unternehmungen zu widmen.

Als Managementberater gibt er Unternehmen jeder Größenordnung Impulse für Kundenbegeisterung und zukunftsfähige Managementkonzepte. Zu seinen Kunden gehören u. a. Daimler, Lufthansa, Siemens, Telekom, L’Oréal, Mustang, Cisco und Wüstenrot. Als Hochschuldozent gibt er darüber hinaus seine Erfahrungen an die nächste Generation weiter.

Für seine Innovationskraft in Führung und Service wurde er u. a. mit dem ‚Innovationspreis der Deutschen Tourismusbranche‘ und Auszeichnungen als ‚Arbeitgeber des Jahres‘, ‚Hotelmanager des Jahres‘ sowie ‚Gastgeber des Jahres‘ belohnt.

Als Autor hat er bereits sieben Bücher veröffentlicht, darunter den Sachbuch-Spitzentitel „Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort“ und den Ratgeber „30 Minuten Freidenken für Führungskräfte“ (beide 2017). Als Kolumnist beschreibt er u. a. in Bilanz, Falstaff, Welt, XING, Focus u. a. Medien aus Unternehmersicht, welche Freiheiten zeitgemäße Führung heute braucht und wie Kundenbegeisterung im digitalen Zeitalter funktioniert.

Interview:

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?
Mein oberstes Lebensmotiv ist die Freiheit. Ich halte Freiheit für einen ganz lebenspraktischen Wert, kein hehres Ideal aus dem Elfenbeinturm. Aber ich weiß auch, wie schwierig sie ist. In meinen jungen Jahren war ich sehr unfrei, wie viele Menschen – damals vielleicht noch mehr als heute. Bei meiner Ausbildung als Hotelfachmann im Hochschwarzwald erlebte ich, wie man Menschen mit einem Übermaß an Druck und Kontrolle begradigt und ultimativ vergrault. Das waren prägende Jahre, das schüttelt man nicht so leicht ab.

Deshalb war es nur logisch, dass ich im zweiten Schritt selbst erst einmal zu einer karriereorientierten, kontrollsüchtigen Führungskraft wurde. Es hat lange gedauert, bis ich den Zusammenhang erkannte zwischen meiner persönlichen Unfreiheit und meinem Unbehagen als Führender.
Seit einigen Jahren bin ich als Unternehmer und als Mensch nun wirklich frei – so frei jedenfalls, wie es uns als sozialen Wesen eben möglich ist. Und ich versuche jeden Tag, diese Freiheit mit anderen zu teilen. Denn wer seinen Mitarbeitern nicht traut, hat Mitarbeiter, die sich nichts trauen.
Die Freiheit ist mein großes Ziel. Manchmal hat es mich fast gebrochen. Aber immer einmal mehr hat es mir den Hals gerettet. Jeder Mensch braucht einen Grund, um weiterzumachen. Die Freiheit ist meiner.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?
Wertschätzung ist für mich ein integraler Bestandteil von Redefreiheit im Unternehmen. Die wirkt sich definitiv auf die Effektivität aus, ja. In meinem Buch „Ohne Freiheit ist Führung nur ein F-Wort“ habe ich dem Thema Führungskommunikation genau aus diesem Grund ein ganzes Kapitel gewidmet. Wenn Menschen offen miteinander reden können, dann können sie einander auch vorbehaltlos wertschätzen, ohne auf kritische Reibungen zu verzichten. Das gilt in unseren privaten Beziehungen übrigens genauso wie in den beruflichen. Das Prinzip Freiheit funktioniert im Unternehmen nur dann, wenn es auf den tragenden Säulen von vier verbindlichen Kernwerten ruht. Mein Führungsprinzip heißt V hoch 4: Vertrauen, Vorbild, Verantwortung, Verpflichtung. Ich halte Vertrauen für den wichtigsten Hebel des Unternehmenserfolgs und jeder Zusammenarbeit. Wenn ich Führung nicht als Beziehungspflege betrachte, laufen mir meine besten Mitarbeiter davon. Das kann sich in Zeiten des Fachkräftemangels kein Unternehmen mehr leisten. Vorbild heißt: Wenn ich will, dass meine Mitarbeiter freiwillig und selbstbestimmt handeln, dann muss ich ihnen das vorleben. Verantwortung bedeutet: Wenn ich will, dass die Mitarbeiter Verantwortung für gemeinsame Ziele übernehmen, dann gelingt mir das nur, wenn ich mich auch als verantwortungsbewusster Chef zeige. Mit der Verpflichtung ist es genauso: Meine Mitarbeiter werden sich der gemeinsamen Mission nur verpflichtet fühlen, wenn ich ihnen zeige, dass ich sie auch selbst an die erste Stelle setze, und nicht meinen Chefstatus. Vertrauen, Vorbild, Verantwortung, Verpflichtung: Das sind die vier Kernwerte, auf denen langfristiger Erfolg aufbaut. Ohne sie ist auch keine Unternehmenskultur zu haben, die allen die Freiheit schenkt, die sie brauchen.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?
Ich glaube nicht, dass wir neue Werte brauchen. Meine Haltung ist vielmehr, dass die eben genannten Grundwerte an Bedeutung hinzugewinnen und wir sie in den Mittelpunkt rücken sollten. Dann, und nur dann, können wir die Chancen nutzen, die in der Digitalisierung liegen.
Je weiter sich die digitale Kommunikation ausdifferenziert, desto wichtiger ist es, dass wir einander vertrauen können. Der Datenskandal bei Facebook zeigt in aller Deutlichkeit, wie verletzlich ein Wert wie Vertrauen ist – und wie wichtig gleichzeitig. Ein Mangel an Vertrauen kann Gesellschaften zu Fall bringen, also natürlich auch Unternehmen. Wir sollten uns dieser
Risiken sehr bewusst sein. Nicht nur an der Spitze von Unternehmen, sondern auch in der eigenen alltäglichen Lebenswelt.

Mit Sorge beobachte ich, wie sehr wir uns von digitalen Medien und Stimmen abhängig machen, ohne sie zu hinterfragen. Wir leben in einer Welt, die uns mehr Freiheiten schenkt als je zuvor. Doch anstatt diese Freiheiten zu nutzen, begeben wir uns freiwillig in neue Abhängigkeiten und merken es oft nicht einmal. Unsere Welt verändert sich. Und wir haben noch nicht gelernt, zentrale Werte wie Vertrauen und Verantwortung konsequent auf diese neue Welt anzuwenden. Ich wünsche mir, dass wir in diesem Lernprozess wachsam bleiben. Denn damit steht und fällt unsere persönliche Freiheit.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?
Ich stimme Ihnen vollkommen zu: Die Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen. Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, in der Wertorientierung und Wertignoranz sehr nahe beieinander liegen. Wir haben die Verantwortung dafür, dass sie inmitten all dieser Komplexität lernen zu differenzieren.

Was ich in meinen Unternehmen spüre ist, dass die jungen Menschen ihr Leben mit einer anderen Haltung angehen als wir damals. Sie sind freier, lassen sich weniger kontrollieren, ziehen klarer ihre Grenzen. Das begrüße ich sehr. Allerdings geht damit auch die Gefahr einher, dass man sich in Abgrenzung definiert, anstatt sich einen eigenen Weg zu suchen und proaktiv für die eigenen Werte einzustehen. In diesem Sinne wünsche ich mir von den jungen Generationen vor allem den Mut zu gestalten. Ohne den ist all die Freiheit, die wir heute genießen, nämlich nichts wert.

Der Weg in die Abhängigkeit ist immer kurz. Egal, wie weiter wir gekommen sind. Die aktuellen politischen Tendenzen zeigen, wie schnell die bestehende Ordnung kippen kann, und zwar in einem globalen Maßstab. Zum Guten, aber auch zum Schlechten. Und das Zünglein an
der Waage sind jene Werte, auf denen unsere Freiheit ruht. Ich bin davon überzeugt, dass sie den jungen Menschen genauso eingebaut sind wie jeder Generation zuvor. Sie sind zukunftsfähig, und sie werden sich ihren Weg bahnen. Nur ist heute die Versuchung größer, sie für selbstverständlich zu halten.

Für mich liegt die größte Herausforderung darin, jungen Menschen zu zeigen, dass es sich lohnt, ihre Werte hochzuhalten und zu verteidigen. Denn es gibt zu viele allzu leicht zugängliche Stimmen, die es damit nicht so genau nehmen und ihre Verantwortung missbrauchen.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt, Werte erfolgreich leben?
Zunächst einmal: einsam. Vielleicht klingt das erst einmal paradox, im Zeitalter der Vernetzung. Doch ich beobachte, dass wir nach und nach verlernen, uns unseren eigenen Werten in aller Konsequenz zu stellen. Wir sind ständig beschäftigt, ständig unterwegs, ständig unter Druck. Es ist leicht, auf Selbstreflexion zu verzichten. „Getting things done“ ist zu einem Mantra der Selbstverleugnung geworden. Das gilt auch und besonders für die Führenden in Politik bis Wirtschaft, die für die Zustände verantwortlich sind, die Sie beschreiben.

Als Führender muss man lernen einsam zu sein und einsame Entscheidungen zu treffen. Das ist keine Kleinigkeit. Vielen ist das nicht bewusst, wenn sie in Führungspositionen gespült werden. Plötzlich sollen sie wichtige Entscheidungen treffen, die viele andere Schicksale berühren. Wer da seine Werte nicht als klaren Kompass vor Augen hat, ist schnell korrumpiert und wird zu einem „Corporate Monkey“. Werte erfolgreich leben heißt auch gegen den Strom schwimmen, wenn nötig. Und das kann nur, wer sich seiner eigenen Werte auch wirklich bewusst ist.
Unsere Gesellschaft wird oft als individualistisch beschrieben. An ihren schlechteren Tagen würde ich sie eher als Welt der Opportunisten beschreiben. Ich glaube, wir sind noch längst nicht individualistisch genug – jedenfalls nicht im Sinne der Wertorientierung.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?
Nachdem ich die Freiheit als mein zentrales Lebensmotiv beschrieben habe, wird Sie die Wahl nicht überraschen: Nelson Mandela. Ich bin ihm in Südafrika begegnet. Das war wenige Monate nach seiner Entlassung aus dem einjährigen Hausarrest, der auf 27 Jahre Haft ja noch folgte.
Und diese Begegnung hat tiefe Spuren bei mir hinterlassen.

Er besuchte damals das Hotel in Paarl, in dem ich gerade arbeitete. Für einige Minuten stand ich auf der Terrasse in seiner Nähe und bemerkte, wie er die Aussicht in sich aufsog. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sein Blick fiel genau auf das Gelände gegenüber dem
Hotel, in dem er seinen Hausarrest verbracht hatte. Ausgerechnet. Ich schämte mich in diesem Moment, aber ich konnte nichts tun. Was mich so faszinierte, war sein Blick. In seinen Augen war keine Wut, kein Hass. Er strahlte Ruhe und Güte aus, selbst bei diesem Anblick. Und dann hörte ich ihn sagen: „Was für ein wunderschönes Land, in dem wir leben. Ein fabelhafter Ausblick.“

Nelson Mandela war nach einem halben Leben im Gefängnis innerlich frei. Er konnte sein Land und sogar die Welt verändern, indem er nichts als seinen Werten gefolgt ist. Dafür habe ich ihn sehr bewundert.