Interviews

Uli Mayer-Johanssen gründete 1990 zusammen mit zwei Partnern die international renommierte Corporate-Identity-Agentur MetaDesign und war im Vorstand bis Ende 2014 für die inhaltliche, strategische Ausrichtung der Agentur verantwortlich. Anfang 2015 gründete sie die Uli Mayer-Johanssen GmbH, ein Unternehmen, dass sich mit identitätsbasierter Unternehmens- und Markenführung aus der Philosophie der Ganzheit befasst und Visions- und Transformationsprozesse entwickelt und begleitet. Die UMJ GmbH hat das Ziel, Unternehmen darin zu bestärken, sich neu auszurichten und mit ihren Ideen und Fähigkeiten Probleme zu lösen, vor denen Wirtschaft und Gesellschaft stehen.
Seit 1994 dozierte sie regelmäßig an diversen Hochschulen und lehrte im Rahmen einer Gastprofessur an der UdK zum Thema Strategische Markenführung. Sie ist u.a. Mitglied des Aufsichtsrats der IVU Traffic Technologies AG und des Universitätsklinikums Düsseldorf.

Interview:

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?
Für mich stehen derzeit zwei Werte im Vordergrund: Verantwortung und Mut zur Veränderung sind Haltungen, die ich als wertvoll erachte. Ich glaube, wir spüren alle, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, und wir uns die Frage stellen müssen, wie unsere Zukunft aussehen soll und was wir dafür tun können. Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen. Aber wenn wir die Zukunftsthemen angehen, können wir Wege aufzeigen und anfangen, sie auch umzusetzen und konstruktiv zu gestalten.

Im Augenblick gibt es eine gewisse Angst vor der Zukunft und deshalb befassen wir uns lieber nicht damit. Wir halten an den Mechanismen fest, die uns ein sicheres Leben und diesen unglaublichen Wohlstand ermöglicht haben. Wenn wir ein paar Jahrtausende zurückblicken, müssen wir erkennen, dass einstige Hochkulturen genau in solchen Momenten gescheitert sind. Auch damals hielt man am Bewährten und etablierten Verhaltensweisen fest und war nicht bereit, sich schrittweise den neuen Lebensumständen anzupassen. Beharrungsvermögen und die Unfähigkeit zur Veränderung führten in den Untergang.

Wir haben die Globalisierung der Wirtschaft überlassen und die Welt durch unser Effizienzdenken dramatisch verändert. Dadurch haben wir den Blick für die Wirkungsdimension, die Konsequenzen dessen, was wir tun, verloren und uns zunehmend auf Details konzentriert und auf die Frage, wie kann ich noch effizienter werden.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?
Ein ganz klares Ja. Menschen wollen sich wertgeschätzt fühlen, und sie wollen wahrgenommen werden. Ein Unternehmen kann heute nicht mehr nur wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen. Erfolg ist eine Mischung aus vielen Komponenten, zu denen nicht zuletzt die sozialen, emotionalen und kommunikativen Fähigkeiten der Führungskräfte gehören. Darüber hinaus, können wir die ökologischen Aspekte beim Thema Erfolg nicht mehr einfach ausklammern.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, weg vom quantitativen Wachstum, hin zum qualitativen Wachstum. Die Frage ist nur, welche Wege wir hierfür beschreiten müssen und wie schnell wir sie umsetzen können. Und wieviel Mut wir haben die Probleme vor denen wir stehen aktiv anzugehen und zu lösen.

Leider steht noch viel zu oft der kurzfristige ökonomische Erfolg im Vordergrund und eigene Wertvorstellungen werden hintangestellt. Dadurch übernehmen wir keine Verantwortung für unsere Entscheidungen und unser Handeln. Offensichtlich sind die Menschen sehr schnell bereit zu sagen: „Ich habe ja nur im Auftrag gehandelt.“

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?
In Europa sollten wir dafür Sorge tragen, dass unsere Werte in der digitalen Welt nicht einfach überrollt werden. Es kann nicht nur um „schneller, höher, weiter“ gehen. Der Traum mittels Digitalisierung die Welt zu verbessern, entpuppt sich zunehmend als Machtinstrument in den Händen einiger weniger. Freiheit, Privatheit und die Hoheit über die eigenen Daten dürfen nicht zum Spielball bedingungsloser Kapitalisierungsinteressen werden. Daten verändern unser Leben mittlerweile auf allen Ebenen. Aus der Korrelation der gewonnenen Daten entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, die alles Bisherige in Frage stellen. Unsere Aufgabe ist es jetzt, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen Kompetenzen im Umgang mit der digitalen Welt erwerben können. Hier ist vor allem die Politik gefordert, um Missbrauch und Kriminalität, die den einzelnen bedrohen können, zu verhindern. Die Digitalisierung birgt dann enorme Chancen, wenn wir die Sinnfrage beantworten können und wir wissen, wozu und wie wir sie nutzen wollen.

Wir brauchen keine neuen Werte, wir müssen uns unserer Werte überhaupt erst einmal wieder bewusst werden. Hierbei leistet die Wertekommission eine wertvolle Arbeit. Die entscheidende Frage ist doch, ob wir unsere Werte überhaupt noch leben, oder ob sie nur noch die Kalenderblätter zieren. Ich begleite unter anderem Visions- und Transformationsprozesse in Unternehmen und ich spüre auf allen Ebenen eine große Sehnsucht nach einer Werteorientierung. Werte sind Bedürfnisräume, in denen sich Menschen wiederfinden und die sie teilen. Dies kommt letzten Endes in der Unternehmenskultur zum Ausdruck.

Viele Menschen haben derzeit das Gefühl, von den Entwicklungen förmlich überrollt zu werden und die Kontrolle zu verlieren. Es ist tatsächlich eine schwierige Phase, in der wir uns befinden. Aber es gibt auch immer Wege, wie wir uns dem stellen können. Wir stehen vor einer historisch einmaligen Situation, aber wir halten uns an den Erfahrungen und dem Wissen des Industriezeitalters fest. Das, was uns erfolgreich gemacht hat, verhindert nun, dass wir uns weiterentwickeln. Jetzt müssen wir uns aufmachen und den Sprung in ein neues Zeitalter wagen, aber in Deutschland spürt man vor allem Angst. Leider geht daher auch die Politik in Deutschland vollkommen an der Realität und den drängenden Fragen der globalen Entwicklungen vorbei.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?
Werteerziehung heißt Vorleben. Daher ist die Einheit von Denken, Fühlen und Handeln so entscheidend. Wir alle haben eine Vorbildfunktion. Es nützt nichts, wenn wir Dinge predigen, dann aber ganz anders handeln. Menschen spüren das sofort. Insbesondere Führungskräfte sind oft einer schwierigen Gratwanderung ausgesetzt: Einerseits sind sie den Anforderungen der Shareholder verpflichtet und sollen maximale Gewinne erzielen, andererseits entspricht der Weg dorthin nicht immer ihren eigenen Wertvorstellungen. Das Ergebnis ist, dass der Sinn und Wert des eigenen Handelns nicht mehr erkennbar ist.

Bei jungen Leuten spüre ich diesbezüglich eine viel größere Sensibilität. Manche verweigern sich bereits dem bestehenden System, weil sie die Verlogenheit erkennen. Auch spielt für sie die Unternehmenskultur eine viel größere Rolle als noch in der Vergangenheit. Wir müssen den jungen Menschen Wege aufzeigen, wie sie sich sinnvoll in die Gesellschaft einbringen und ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten können.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, verstärkt Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen. Deshalb ist das Thema Bildung so immens wichtig. Nur so können wir uns den drängenden Themen unserer Zeit stellen, ohne Angst davor zu haben.

Wichtig wäre zudem eine andere Einstellung zum Thema „Fehler“. Unsere Angst, auch die Angst vor dem Scheitern, lähmt. Dabei sind Fehler ein unglaublicher Erfahrungsschatz. Ein „Nein“ ist oft viel hilfreicher als ein „Ja“, weil wir daran sehr viel mehr lernen können. Wir leben in einer Polarität. Sie ist Grundvoraussetzung für Bewegung und Entwicklung.

Entscheidend ist, dass wir unser Handeln vom Ergebnis her denken. Wenn wir Umweltschutz predigen, aber selbst weiter gedankenlos konsumieren und Ressourcen verschleudern, ist alles was wir einfordern unglaubwürdig. Das gleiche gilt übrigens auch für Unternehmen. Auch sie müssen ihre Produkte vom Ende her denken.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt, Werte erfolgreich leben?
Wir brauchen einen viel stärkeren Dialog zwischen den einzelnen Kulturen, in dem wir uns alle die Frage nach der Sinnhaftigkeit und der Ethik unseres Tuns und Handelns stellen und versuchen, auf Gemeinsamkeiten aufzubauen. Ich fand den Ansatz von Robert Menasse ausgesprochen interessant, der nach seiner Zeit in Brüssel zu dem Ergebnis kam, dass ein neues Europa nur aus den Metropolen heraus entstehen kann. Regierungen werden immer nationale Interessen vertreten. Aber Metropolen haben überall ähnliche Herausforderungen, angefangen bei den Infrastrukturproblemen bis hin zu den Themen Feinstaub oder soziale Konflikte.

Auch die Bedeutung der Kultur wird in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt. Die Förderung der Kultur ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – auch über Grenzen hinweg – viel wichtiger als gemeinhin angenommen. Der Fokus liegt meistens auf der Wirtschaft, während die Kultur schnell als schönes Beiwerk abgetan wird. Wir sollten die Kultur viel stärker in den Mittelpunkt rücken und sie uns nicht nur leisten, wenn es uns gut geht. Wir gehen kaputt ohne Kultur, denn sie fördert die Auseinandersetzung mit uns und dem Leben und kann dazu beitragen, dass wir verstehen: Wir haben keine Natur, wir sind Natur. Der Schutz des Lebens ist oberstes Gebot. Das Artensterben hat bereits in großem Ausmaß begonnen und alles was wir tun, fällt irgendwann auf uns selbst zurück. Das müssen wir verstehen und uns immer wieder bewusst machen. Eine wesentliche Frage der kommenden Jahrzehnte wird sein, ob es uns gelingt, überhaupt Urteilsfähigkeit zu erlangen. Wir alle sind davon betroffen, wir haben nur diesen einen Planeten. Politik und Wirtschaft sollten dringend umdenken und die gnadenlose Verschwendung von Ressourcen überdenken. Die Welt ist eng vernetzt. Alles hängt mit allem zusammen.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?
In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich das Thema „Vorbild“ in unserer Gesellschaft stark verändert. Es gibt nicht mehr „die Person“, an der sich viele andere orientieren. Auf der einen Seite fehlen diese Orientierungspunkte und die „Säulen der Gesellschaft“ auf der anderen Seite verlagert sich dadurch die Verantwortung stärker auf uns alle.

Wir brauchen vielleicht auch nicht mehr die eine Leitfigur, sondern viele Vorbilder und positive Signale, um uns den großen Zukunftsfragen zu stellen. Ich bewundere alle Menschen die den Mut haben, Dinge zu verändern, sich den Themen zu stellen und sich auf den Weg machen.

Stellvertretend für diese Menschen steht für mich der Journalist und Philosoph Gerd Scobel. Mit seinen Beiträgen bei dem Fernsehsender 3 SAT gibt er wichtige Impulse und bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen, die eben genau diese Wege aufzeigen, von denen ich gesprochen habe.